„Ich kann es selbst“

30 Jahre Einsatz für schwerstbehinderte Menschen

von: Berliner Behindertenzeitung

Michael und Ludger Gröting (von links)

Michael Gröting mit seinem Vater in der Tagesförderstätte Harbigstraße (Foto: Lebenshilfe Berlin).

Michael Gröting interessiert sich brennend für alles, was auf Schienen fährt. Sprechen, Lesen oder Schreiben kann der große, schlanke junge Mann nicht. Seine Schritte wirken ungelenk, für längere Wege wird er im Rollstuhl geschoben. Gerne sucht er den Kontakt zu seinen Mitmenschen und lebt – wie alle Menschen mit schwerer geistiger Behinderung – ganz im Hier und Jetzt.

Seit Anfang 2012 ist Michael Gröting in der Tagesförderstätte Harbigstraße in Berlin-Charlottenburg. Sie unterstützt Personen, die ein Leben lang auf intensive Hilfe angewiesen sind. Hier steht der einzelne Mensch mit seinen individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten im Mittelpunkt. Die Angebote sind so gestaltet, dass sie das Selbstbewusstsein stärken und die Erfahrung ermöglichen: „Ich kann selbst etwas bewirken.“

Michaels Vater Ludger Gröting ist von der Arbeit der Tagesförderstätte überzeugt: „Zwei Jahre haben wir nach einem Platz gesucht. Für die Werkstatt ist Michael zu schwer behindert. Keine Einrichtung wollte ihn aufnehmen. Jetzt ist er rundherum ausgeglichen und glücklich.“ Dank der intensiven Zuwendung, erzählt Gröting, der im November 2013 zum Vorsitzenden der Lebenshilfe Berlin gewählt wurde, habe sein Sohn große Fortschritte gemacht. Er könne inzwischen viel besser in seinem Umfeld zurechtkommen und habe begeistert in einem inklusiven Filmprojekt mitgewirkt.

Immer wieder melden sich verzweifelte Eltern bei der Leiterin Dörte Eggers: „Sie wissen nicht, wie es nach der Schule mit ihren Söhnen und Töchtern weitergehen soll. Manche haben bis zu fünf Ablehnungen, wenn sie bei uns anfragen.“ Die Heilpädagogin weiß, dass Menschen mit schwerer geistiger Behinderung viel Einfühlungsvermögen und tragfähige Beziehungen brauchen. Die Tagesförderstätte bietet ihnen Sicherheit und Verlässlichkeit durch eine überschaubare Tagesstruktur mit einem ganzheitlichen Konzept.

Mit LeBiKo geht das multiprofessionelle Team neue Wege, um Menschen mit schweren Behinderungen durch individuell zugeschnittene Bildungsangebote in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. LeBiKo steht für „Lebenslange Bildung in Kooperation“ und wurde mit wissenschaftlicher Begleitung entwickelt.

Am 11. Juli 2015 feiert die Tagesförderstätte mit einem Sommerfest für Klienten, Angehörige und Mitarbeiter ihr 30-jähriges Bestehen.